Sonntag, 20. Juni 2021

30.-34. Woche: 12.03.-10.04.2021

Meine Zeit in Jerusalem neigt sich langsam dem Ende zu. Nach Ostern werde ich nach Tabgha, in den Norden Israels, wechseln.

Arbeitstechnisch hat sich eigentlich nichts geändert. Die letzten Wochen waren allerdings geprägt von einer neuen Lebensfreude, durch die Lockerungen der Covid-Massnahmen und damit verbunden, auch sehr viele neue Bekanntschaften und gute Freundschaften. Aufgrund der Pandemie sind viele Volontäre alleine in ihren Einrichtungen und es entsteht natürlich der Drang mit anderen, gleichaltrigen Zeit zu verbringen. Somit haben die meisten von uns Volontären jede Gelegenheit genutzt die Anderen kennenzulernen. Zu meinen besten Freundschaften gehören die zwei Österreicher Matthias (Österreichisches Pilger-Hospiz) und Otto (Leo Beck Institut). Wir haben uns über große Zufälle gefunden und viel gemeinsam erlebt. 

Unser prägnantester gemeinsamer Ausflug war ein Wochenende in der Negev-Wüste. Wir haben das Auto des Rektors vom Österreichischen Hospiz ausleihen dürfen und sind am Freitag vor Ostern mit Sack und Pack Richtung Süden gefahren. Die Reise führte uns wieder durch Be‘er Sheva, über den nächtlichen Highway, nach Mitzpe Ramon (schon während der Anreise sind verrückte Dinge passiert, über die wir immer noch gemeinsam lachen). Von dort fuhren wir über einen schmalen Weg zur ägyptischen Grenze, wo wir in einer kleinen Senke zwischen den Dünen, mit einigen Shabbat-Urlaubern, unsere Zelte aufschlugen. Wir verbrachten die Nacht am Lagerfeuer dreier junger Israelis und hatten sehr interessante Gespräche. Den klaren, leuchtenden Sternenhimmel, die reine Stille, die unangenehme Kälte und den kraftvollen, roten Sonnenaufgang der Wüste werde ich nie vergessen. 

Mit drei Stunden Schlaf und abgefrorenen, ungeduschten Körpern, hielt sich die Lebensfreude initial in Grenzen. Nach einem ausgedehnten Frühstück in der warmen Sonne Mitzpes und den Blick auf den vor uns liegenden Tag gerichtet, sah die Welt aber wieder ganz anders aus und wir fuhren mit frischer Energie neuen Welten entgegen. Unsere Reise führte uns zum Highway 10, einer 30km langen Straße, direkt an der Sinai-Grenze zu Ägypten, welche normalerweise militärisches Sperrgebiet ist. Zweimal im Jahr ist es aber möglich den Highway, unter starker militärischer Bewachung und vielen Kontrollen, zu befahren. Hier gereichte es uns zum Vorteil, dass unser Wagen ein Diplomaten-Kennzeichen hatte. Anstatt also kontrolliert zu werden und gefragt zu werden, wo wir denn gedenken würden hinzufahren, erkundigten sich die Militärs nach unserem Wohlergehen und wünschten uns eine angenehme Weiterreise. Somit genossen wir völlig stressfrei die erbarmungslos schöne Landschaft der Sinai Region und den Blick in die strengen Ebenen und Berge Ägyptens. Am finalen Checkpoint am nördlichen Ende der Straße trafen wir zufällig die drei Israelis vom Vorabend wieder und wurden mit einem zweiten Frühstück beschenkt, während neben uns die Soldaten mit ihren Waffen rumliefen und all die Leute kontrollierten, die, genau wie wir, die landschaftlichen Vorzüge des Highway 10 genießen wollten. 

Wir setzte unsere Reise fort in Richtung Küste. Nach einer Stunde Fahrt, in der die Umgebung von „Dreck und Sand soweit das Auge reicht“ zu angenehmer Mittelmeer-Flora wechselte, fanden wir uns plötzlich auf einem Hügel bei Sderot wieder. Vor uns erstreckten sich zwei riesige Zäune mit Stacheldraht und dahinter Gaza-City und die Mittelmeerküste. Man vernahm das leichte rauschen der Stadt, den fernen Gebetsruf eines Muezzins, das säuseln des Windes auf den grünen Wiesen und das sonore Summen israelischer Drohnen. Es war ein friedlicher Moment, am Rande eines Molochs, welches von Krieg, Unterdrückung und Mangel geprägt ist. Es herrschte eine surreale Stimmung als wir durch Sderot und Erez nach Zikim an den Strand fuhren. Wunderschöne Villenviertel mit sattgrünen Vorgärten und Liegestühlen, nagelneue Straßen und sprießende Flora. Dazwischen gepanzerte Bushaltestellen, Spielplätze mit Luftschutzbunkern, tarnfarbene Humvees und Väter mit Kippa auf dem Kopf, Kind an der Hand und M16 über der Schulter. Wir hatten die ganze Zeit die Bilder aus Gaza im Kopf, welche man aus den Nachrichten kennt. Am Meer genossen wir frisch erworbene Falafel und begaben uns, während unserer Gepräche über das Gesehene, auf Sinnsuche. Wir fanden nur wenig bis keinen Sinn und genossen lieber den energiegeladenen Sonnenuntergang während eines Strandspazierganges entlang von Stacheldraht, den Blick auf die rot erleuchteten Hochhäuser Gazas gerichtet.


freundliche Bewirtung und gute Gespräche


warten auf den Sonnenaufgang


aufwärmen am Morgen


die Diplomaten-Karosse des Österreichischen Hospiz

Blick über den Grenzzaun auf die Sinai-Halbinsel

die grüne Landschaft vor Gaza

die malerischen Strände zwischen Aschkelon und Gaza


29./30. Woche: 28.03. - 12.03.2021

Zum Glück hat Israel so eine wirkungsvolle Impfkampagne gefahren. Somit ist das Land schon fast wieder bis zur Normalität gelockert. Das einzige was fehlt sind die Touristen (auf die kann ich persönlich aber auch noch ein wenig länger verzichten). Aber so konnten sich die Christen im Heiligen Land auf eine schöne Osterzeit freuen, denn Veranstaltungen und Gottesdienste fanden statt. So auch zum Beispiel die Palmsonntagsprozession, vom Ölberg durch das Hinnom Tal, durchs Löwen Tor, bis zur St. Anna Kirche. Die Volontäre aus Tabgha sind auch extra angereist und so haben die Mönche und ich uns Palmzweige aus dem Garten geschnappt und sind in Richtung Ölberg aufgebrochen. Dort erwartete uns eine große Menschenmenge (man versicherte uns, dass das gar nichts sei, verglichen zur präpandemischen Zeit). Es war etwas ungewohnt unter so vielen Menschen, dicht gedrängt zu stehen, aber wir genossen es. Begleitet wurde die Prozession vom Jerusalemer Patriarchen, vom Nuntius und vom franziskanischen Custos des Heiligen Landes. Neben Zivilisten sah man auch viele Ordensleute. Besonders stachen die fidelen Franziskaner heraus, die während der dreistündigen Prozession keine Minute vergehen ließen, in welcher sie nicht getanzt und musiziert haben. Wir kamen kaputt, verschwitzt und sonnenverbrannt zurück in die Dormitio. 

da steppt der Bär

Aussicht vom Ölberg über Jerusalem

die große Prozession


28. Woche: 19.03. - 27.03.2021

Auch in Israel habe ich mich bemüht in die Luft zu kommen. Meine Recherchen und Kontakte resultierten dann in einem Wochenende in der Negev-Wüste und einem Tag auf dem Flugplatz Be‘er Sheva beim Negev Gliding Center. Es tat gut nach langer Zeit mal wieder auf einem Flugplatz zu stehen und die Flugzeuge und den Lärm um sich herum zu haben. Einer der Piloten hat mich in seinem Segelflugzeug mitgenommen und wir haben gemeinsam geschaut, was die Atmosphäre so für uns zu bieten hat. Ich habe gemerkt, dass ich lange nicht geflogen bin (mir ist etwas schwummerig geworden) aber nachdem ich das Steuer übernommen hatte, gewöhnte ich mich schnell wieder und habe ein wenig mit der aufsteigenden Luft herum experimentiert.Be‘er Sheva ist das Tor zur Wüste. Das habe ich schon im Auto schnell gemerkt. Wenn man von Norden aus Jerusalem oder Tel Aviv kommt, fährt man (gerade im Winter) durch eine grüne Hügellandschaft, bis in die Stadt hinein. Wenn man die Stadt aber nach Süden wieder verlässt ist man in der reinsten Wüste. Keine Bäume, keine Büsche, nur Dreck. Auch aus dem Flugzeug heraus sieht das faszinierend aus. Wir sind etwa 90 min in der Umgebung umher geflogen und haben die Aussicht genossen. Wir konnten sogar die Mittelmeerküste am Horizont erkennen. Bei genauerem Hinsehen auch Ashkelon und daneben den Gaza Streifen. Südlich von Be’er Sheva haben wir auch den riesigen Militärflugplatz Hatzerim gesehen. Da wird einem doch etwas unheimlich, wenn man sich in diesen Lufträumen bewegt. Vier Tage später habe ich dann noch in den Nachrichten gelesen, dass eine Rakete aus dem Gaza Streifen in der Nähe von Be‘er Sheva eingeschlagen ist, als Netanyahu dort war. Da fliege ich dann doch lieber in Deutschland...

Ich habe dann in der Nähe von Mitspe Ramon auf einem Campingplatz übernachtet und bin am nächsten Tag mit dem Auto zum Ramon gefahren. Ein 30 km langer und 10km breiter, durch Erosion entstandener Krater, im Süden Israels. Ein wirklich beeindruckendes Gefühl, am Rande dieses riesigen Naturgebildes zu stehen und alles zu überblicken, mit dem Wind als einziges Geräusch weit und breit. 

In Gegenden wie dieser, kommen so ungewohnte topografische Formen zu Stande, die wir in Deutschland bzw. Europa garnicht finden. Dadurch, dass es keinen Bewuchs gibt, sondern das Gestein und der Sand unbefestigt sind, wäscht der Regen und der Wind mit der Zeit alles aus und gibt so der Wüste einen einzigartigen Charakter. So schön und beeindruckend das alles auch ist, am Abend habe ich mich dann doch gefreut wieder Richtung Norden zu fahren und mich wieder von Wiesen und Bäumen umgeben zu sehen. Eigentlich unglaublich, wenn man sich überlegt, wie nah diese beiden Landschaften aneinander liegen.

Mittwoch, 28. April 2021

26./27. Woche: 04.03. - 18.03.2021

Meine Arbeit ist nun zu einer etwas handwerklicheren Tätigkeit übergegangen. Ich baue mit den Mitarbeitern gemeinsam den ehemaligen Shop zurück, nachdem wir alle Produkte ausgeräumt hatten. Konkret bedeutet das: aus Einbauschrank mach Ausbauschrank.
Daneben standen auch wieder diverse Ausflüge an. Ich versuche jedes Wochenende irgendwohin zu fahren und etwas zu entdecken. Da mir die Umgebung des Toten Meeres sehr gut gefallen hat und mir der Ort Masada empfohlen wurde, habe ich das kurzerhand zum Tagesausflug erklärt. 
Masada ist ein Tafelberg am Toten Meer, auf welchem sich Herodes einst ein Winterdomizil errichten lassen hat. Der Berg selber ist sehr beeindruckend und der 45 minütige Aufstieg wird mit einer fabelhaften Aussicht auf die Judäische Wüste im Westen und das Tote Meer und die Jordanischen Berge im Osten belohnt. Die große Anlage Herodes‘ ist noch erstaunlich gut erhalten und man kann sich lebhaft vorstellen wie er auf seiner wunderschönen Terrasse gesessen hat und die Aussicht und die winterlichen 25°C  genossen hat. Mir haben die spätwinterlichen 28°C beim Aufstieg etwas zugesetzt, aber da außer mir niemand oben war, konnte ich einfach ein kleines Nickerchen im Schatten einer 2000 Jahre alten Mauer machen. 
Ein paar Tage später stand ein Wochenende in Tel Aviv an. Gemeinsam mit den Volontären aus Tabgha, habe ich ein AirBnB direkt am Rothschild Boulevard gemietet. Wir haben sehr die Arbeits- und Gebetfreie Zeit genossen in der wir machen konnten was wir wollten. Wir haben uns Jaffa angeschaut, waren viel am Strand und haben das Treiben des Rothschild Boulevard von unserem Balkon aus beobachtet. Uns ist ein signifikanter Unterschied des Straßenlärms vom Shabbat zum ersten Arbeitstag aufgefallen. Am Shabbat hat man kaum Autos und Busse gehört, hauptsächlich Menschen die sich unterhalten haben oder Musik gemacht haben und den Shabbat auf den grünen Wiesen des Boulevard genossen haben. Am Sonntag (dem ersten Arbeitstag) ging dann der starke Verkehr, die Busse und die Müllabfuhr mit voller Kraft wieder los und hinderte uns am Ausschlafen.
Auf unseren Trip hat uns auch eine deutsche Volontärin begleitet, die über Umwege Kontakt zu uns bekommen hat und die wir an diesem Wochenende zum ersten Mal getroffen haben. Es hat sich ein toller Kontakt zu ihr entwickelt und wir freuen uns auch, etwas aus unserer Dormitio/ Tabgha Blase herauszukommen und noch andere Volontäre kennenzulernen. Eine Sache, welcher die Pandemie wohl zuträglich ist. Es gibt viel weniger Volontäre innerhalb der einzelnen Organisationen und oft arbeiten Volontäre auch alleine. Dadurch kommen viele Kontakte zu Volontären anderer Organisationen zu Stande, was eine große Horizonterweiterung (zumindest bei mir) darstellt. Ich merke erst jetzt, auf welch vielfältige Art und Weise man als deutschsprachiger ein Jahr in Israel verbringen kann und was für Motivationen dahinter stehen. 
Ein Wochenende später bin ich nach Haifa gefahren und habe in der Organisation der erwähnten Volontärin übernachten können (ein weiterer Vorteil von weitreichenden Bekanntschaften). Am Tag darauf haben wir uns gemeinsam Nazareth angeschaut. Eine arabische Stadt in Israel mit lebendigem Zentrum und vorzüglichem Essen. Das Herzstück ist wohl die Kirche der Verkündigung Mariens, welche im späten 20. Jhd. gebaut wurde und eine dementsprechend unästhetische Architektonik aufweist. Im Vorhof hängen große Mosaiktafeln mit verschiedensten Marienbildnissen, welche von diversen Nationen gestiftet wurden. Von Deutschland über Frankreich bis Bolivien war alles dabei. Als ich die Tafel der Schweiz gesucht habe, bin ich auf ein, mir wohl bekanntes, Bild gestoßen. Die schwarze Madonna und das Kloster Einsiedeln. Ich war entsprechend überrascht und überaus erfreut diesen Ort, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, hier im Nahen (und doch so fernen) Osten zu entdecken.

25./ 26. Woche: 14.02. - 01.03.2021

Erstaunlicherweise ist nun auch in Jerusalem der Winter angekommen. Zum Glück ist er aber nur für ein paar Tage geblieben. Es hat aber ausgereicht um der Hauptstadt Israels einen Tag lang Schnee zu bescheren. Da dieses Ereignis (man könnte hier fast schon Phänomen sagen) seit Jahrzehnten nicht mehr eingetreten ist, waren die Menschen entsprechend aus dem Häuschen. Und da Israel aufgrund mangelnder Erfahrung nicht mit Schnee umgehen kann, versank die Stadt für einen Tag im Chaos und es fiel sogar die Schule aus. Bei 5cm Schneematsch. 
Der Tempelberg und besonders der Felsendom, überzogen mit einer dünnen Schicht Schnee, sind ein wunderschöner, außergewöhnlicher Anblick, den wahrscheinlich die wenigsten Menschen bisher erlebt haben.
Die nasse Kälte hat die zwei Novizen der Gemeinschaft der Dormitio aber nicht davon abgehalten, eine Messe im Grab Jesu zu reservieren und früh morgens um 6 Uhr mit mir zusammen durch den Regen zur Grabeskirche zu stiefeln. Es ist ein wahrliches Privileg das, normalerweise völlig überlaufene und sehr unandächtige, Heiligtum der Christenheit, einmal ganz und gar ohne Touristen zu erleben. Und noch dazu um diese Uhrzeit, wenn erst die Kopten ihre Gebete verrichten und dann die Russisch Orthodoxen mit Ihren beginnen. Es hallt ein Klang in dieser Kirche, den man von unserem abendländischen Katholizismus nicht gewöhnt ist. Der Gedanke, dass wir trotzdem zur selben Religion gehören ist interessant. Das macht für mich die Schönheit dieses Gotteshauses aus. Äußerlich eigentlich unästhetisch und irgendwie verbastelt, aber so stellt es für mich das Leben und die Realität unserer Religion dar. Nicht gerade und perfekt sondern bunt, durcheinander und mit allerlei Macken und Verschrobenheiten. Und jeder kommt in dieses Gotteshaus so wie er ist und kann dort beten so wie er eben betet. Abendländisch, morgenländisch, römisch, orthodox, laut oder leise. So haben wir als Christen ein religiöses Zentrum, in dem unser Glauben seinen Ursprung hat und alle Facetten und Wege die er gegangen ist, wieder zusammen kommen. 
Bis auf die Protestanten. Die beten 200 Meter weiter in Ihrer eigenen Kirche. 
So feierten wir zu dritt, auf zwei Quadratmetern in der Ädikula, dem heiligen Grab, eine 30 minütige Messe. 
Anschließend haben wir uns noch, aufgrund der Uhrzeit und der Kälte, einen heißen Kaffe und Gebäck gekauft. Dabei wurde mir von Pater Efrem erklärt, dass nicht nur Alkohol (Messwein) zu unserer Religion gehört, sondern auch Kaffe eine wichtige Rolle im koinobitischen Mönchtum spielt (siehe Äthiopien).  Anders hält man wohl die Vigil nicht aus schätze ich.

Sonntag, 28. Februar 2021

20. - 24. Woche: 15.01.-14.02.2021

Nachdem der Lockdown nun zum Glück wieder beendet war, konnten ich und die anderen Volontäre aus Tabgha ein wenig Ferien außerhalb des Klosters gut vertragen. Wir haben uns für eine Woche hier in Jerusalem getroffen, ich hatte die Ehre die Vier ein wenig in Jerusalem herumzuführen, für Sie war es das erste Mal außerhalb des Klosters seit ihrer Ankunft. Nachdem wir die wichtigsten Dinge in Jerusalem abgehakt hatten und unsere Füße schon Ermüdungserscheinungen an den Tag brachten, fuhren wir für einen Tag an das Tote Meer. Eine großartige Busfahrt durch die Judäische Wüste und das Jordantal mit wunderschönen Landschaften, brachte uns bis nach Ein Bokek, eine kleine Stadt, welche nur aus Hotels besteht. Da im Moment keine Touristen in Israel sind, hatten wir das Gefühl in einer Geisterstadt zu sein. Dadurch hatten wir aber auch einen großen Strand fast für uns alleine. An diesem Tag wurde uns eine sehr außergewöhnliche Badeerfahrung und eine langersehnte Entspannung zu Teil. 
Am Tag darauf ging es dann auch noch nach Tel Aviv und da wir unsere Zeit am Strand des Toten Meeres so genossen hatten, verbrachten wir auch in Tel Aviv den ganzen Tag am Mittelmeerstrand. Ganz im Kontrast zu einem monastischen Lebensstil, haben wir einfach in den Tag hineingelebt und uns von Leben treiben lassen. 
Zum Abschluss unserer Urlaubswoche stand dann noch ein ganz besonderes Erlebnis an. Ein Mitarbeiter des Klosters, der auch auf dem Tempelberg arbeitet, hat organisiert, dass wir in den Felsendom und die Al-Aqsa Moschee hinein dürfen. Ein großes Privileg, angesichts der Tatsache, dass der Zutritt eigentlich nur Muslimen gestattet ist. Noch etwas verschlafen stiefelten wir zwischen den Polizisten am Eingang hindurch und wurden von einem Angestellten der Verwaltung empfangen und zum Felsendom gebracht, dort trafen wir auch unseren Bekannten, der uns von da begleitete. Nachdem wir unsere Schuhe ausgezogen hatten, betraten wir das älteste noch erhaltene muslimische Gebäude und nach Mekka und Medina, das wichtigste Heiligtum des Islam. Ein großer Schrein, der für viele zum Symbol des Nahostkonflikt geworden ist und das schönste Gotteshaus, welches ich je betreten durfte. Die Islamische Gestaltungskunst und die einzigartige Typografie des Arabischen war ein Genuss, welcher die Architektur der Anlage wunderbar akzentuierte und diese so ganz anders machte als das, was ich von Gotteshäusern gewöhnt war. In der Al-Aqsa Moschee hingegen fühlte ich mich von einer Kirche gar nicht so weit entfernt. 
Wir hatten eine sehr schöne gemeinsame Woche und ich freue mich, dass wir uns alle so gut verstehen. Mit einem Auge schiele ich schon in Richtung Ostern, wenn ich auch nach Tabgha zu den Anderen stoßen werde.

18./19. Woche: 20.12.2020-15.01.2021

Normalerweise kann man sich über die Weihnachtszeit in Jerusalem kaum vor Menschen retten. Auch die Mönche und Volontäre der Dormitio haben in diesen Tagen viel zu tun. Dieses Jahr war das natürlich (zum Glück?) nicht der Fall. Die Feiertage waren für mich sehr besinnlich und ruhig und wir hatten ein sehr angenehmes und gemütliches Fest im kleinen und persönlichen Rahmen. Weihnachtsstimmung wollte aber nicht so richtig aufkommen. Wir haben zwar die Räumlichkeiten sehr schön dekoriert und kulinarisch wurden wir auch gut eingestimmt, allerdings verbrachte ich die Tage im T-Shirt auf der Dachterrasse. 
Da die Klostergemeinschaft hier an zwei verschiedenen Orten (Jerusalem und Tabgha) lebt und die Mönche die Feiertage auch ein wenig gemeinsam verbringen wollten, fuhren wir vor Neujahr für zwei Tage nach Tabgha. Dort habe ich dann zum ersten Mal die gesamte Gemeinschaft und die anderen Volontäre kennenlernen dürfen. Ich wurde dort sehr warm empfangen und integriert. Das Kloster in Tabgha ist ein sehr friedlicher, angenehmer und weitläufiger Ort, direkt am See Genezareth. Die zwei Tage dort waren sehr erholsam und es war schön, nach der von Quarantäne geprägten Zeit, ein wenig aus Jerusalem raus zu kommen. 
Der Arbeitsalltag in Jerusalem ließ aber nicht lange auf sich warten. Meine Hauptaufgabe im Moment ist, das Ausräumen des Souvenir-Shop und das Sortieren im Lager um die Sanierung vorzubereiten. Nebenher erledige ich gelegentlich auch kleine Aufgaben in der Verwaltung.
Das Leben hier fühlt sich ganz anders an als in Einsiedeln. Ich bin hier mit nur vier Mönchen zusammen und arbeite und lebe viel für mich alleine, wohingegen in Einsiedeln ein sehr starkes Gemeinschaftsleben vorherrschte. Schlecht ist das allerdings auch nicht, ich kann mir den Tag sehr nach meinem eigenen Gusto gestalten. Allerdings vermisse ich auch ein wenig den stark rhythmisierten  Tagesablauf in Einsiedeln.

 

Freitag, 22. Januar 2021

16./17. Woche: 12.12.-20.12.2020

Nach zwei Wochen der Freiheit ohne Quarantäne steht in Israel jetzt wieder ein Lockdown an. Ich darf mich zwar in einem Radius von einem Kilometer um meinen Wohnort bewegen, wozu auch fast die gesamte Jerusalemer Altstadt gehört, allerdings ist das ohne den Trubel auf dem Bazar und ohne die Möglichkeit von Besichtigungen auch nicht das Wahre. 

Glücklicherweise habe ich mir schon vieles angeschaut und diverse Spaziergänge durch die Altstadt gemacht. Es ist sehr beeindruckend 9:00 loszulaufen, 9:10 dem drittwichtigste Heiligtum des Islams, 9:20 dem wichtigsten Heiligtum des Judentums und 9:30 einem der wichtigsten Heiligtümer des Christentums gegenüber zu stehen. Und auch mit großen Beschränkungen und ohne Touristen herrscht ordentlich Trubel in den engen Gassen. 

Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aqsa Moschee war für mich besonders eindrücklich. Es herrscht große Ruhe und viel räumliche Freiheit auf dem Tempelberg, das schafft inmitten der Stadt eine Atmosphäre die sehr gut auf das Gebet vorbereitet und auch ohne die Intention des Gebet sehr angenehm und entschleunigend ist. Der Felsendom selber sieht wunderschön aus, zwar darf ich ihn als Christ nur von außen betrachten, aber selbst das hat in mir Interesse und Bewunderung für die Islamische Kunst und Architektur hervorgerufen.

Jerusalem hat aber nicht nur Religion und Frömmigkeit zu bieten, in der Neustadt mit dem Szeneviertel Nachlaot finden sich viele Bars, Imbissbuden und der Machane Yehuda Markt auf dem man allerlei frische Lebensmittel, frischen Kaffe und Bier vom Fass bekommt, umgeben von einer jungen, lauten und fröhlichen Atmosphäre. Das habe ich natürlich gleich nach der Qarantäne mit meinem Mitvolontär für ein abendliches Bierchen in gemütlicher Atmosphäre genutzt. 

Insgesamt habe ich zwar von Israel noch nicht viel gesehen, fühle mich aber immer wohler in der neuen Umgebung und den Gegebenheiten. Für nahöstliche Verhältnisse ist Israel zwar recht europäisch, für europäische Verhältnisse aber ist es orientalisch und erstmal fremd, deswegen ist eine Eingewöhnungszeit durchaus von Nöten, fällt in einem Kloster mit vielen großartigen Menschen aber garnicht schwer.

Freitag, 25. Dezember 2020

13.-15. Woche: 25.11.-12.12.2020

Mittlerweile bin ich in Jerusalem angekommen und habe die 14-Tägige Quarantäne hinter mich gebracht. Erstaunlicherweise konnte ich diese sogar ein wenig genießen. Ich konnte mich langsam an den neuen Ort gewöhnen, hatte viel Zeit für mich und konnte seit langem mal wieder meine Tage mit Faulenzen verbringen. Nach einigen Schwierigkeiten mit dem Flug, viel Stress und einer sehr spontanen Umbuchung mit Zwischenstopp in Istanbul war das sehr angenehm. Der Nahe Osten hat mich mit blauem Himmel und milden Temperaturen willkommen geheißen und somit habe ich die Quarantäne zum großen Teil auf der Dachterrasse des Studienhauses vom Kloster verbracht. 

Ich bekam aber schon bald die erste Arbeit. Die Dormitio führt jedes Jahr eine Weihnachtsaktion durch, bei welcher die Menschen an Heiligabend ihre Namen auf einer Rolle nach Bethlehem tragen lassen können. Dabei werden Spenden für gemeinnützige Projekte in Palästina gesammelt. Ich habe, gemeinsam mit anderen Helfern, eintreffende Emails mit den Namen der Menschen verarbeitet und angefangen die Rolle zu erstellen. Nachdem meine Quarantäne beendet war, kam neben dieser Arbeit auch eine Aufgabe in der Bibliothek des Klosters dazu, bei welcher ich neue Bücher etikettiert und einsortiert habe. 

Genau wie in Einsiedeln wurde ich auch hier sehr herzlich empfangen. Durch Corona ist auch hier sehr vieles anders als sonst, beispielsweise fallen die gut 5000 Touristen die das Kloster täglich besuchen weg. Trotzdem gibt es einiges an Arbeit und die Mönche sind froh, dass ihre Volontäre spontan einreisen konnten. 

Eine Schwierigkeit für mich war, nach der Quarantäne einen neuen Tagesrhythmus zu finden. Nachdem das Leben in Einsiedeln sehr stark durchgetaktet war, muss ich hier größtenteils selbst meinen Rhythmus bestimmen. Aber nach einigen Tagen habe ich auch das gemeistert, wenn auch mit Verbesserungsbedarf.

Samstag, 28. November 2020

12. Woche: 25.11.2020

Ich habe nun ein Visum für Israel erhalten! Über diese Freude habe ich erstmal eine Nacht geschlafen und dann einen Flug gebucht. Die Patres in Jerusalem scheinen sich schon zu freuen, der Prior will mich am Flughafen abholen und für die 14-Tägige Quarantäne ist gesorgt. Auch mit dem Papierkram erhielt ich tatkräftige und schnelle Unterstützung. Die Gemeinschaft in Einsiedeln hingegen scheint mich nicht so gerne wieder ziehen zu lassen. Immer wieder kommt mir ein großes ‚Schade!‘ entgegen aber im selben Zug auch Segenswünsche für meine Weiterreise. Von vielen Seiten wird mir zugetragen wie glücklich alle mit meinem Aufenthalt waren, das erfüllt natürlich auch mich mit großer Freude und ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. 

11./12. Woche: 08.11.-25.11.2020

Es zeichnet sich mittlerweile ab, dass ich nach Israel weiterreisen kann, ich habe zumindest einmal ein Visum beantragt. Angesichts einer Abreise beginne ich ein wenig zu reflektieren. Das Kloster Einsiedeln ist für mich zu einer Heimat geworden, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen. Ich habe an einen Ort von sehr großem Kulturreichtum gelebt. Diese Fülle an Kultur beginnt aber nicht bei den vielen, alten Gemälden, oder bei Vivaldi, der Sonntags zum Mittagessen gespielt wird. Sie beginnt bei den menschlichen Werten die diesem Ort, beziehungsweise den Menschen hier, innewohnen. Achtsamkeit steht da ganz oben auf der Liste, gefolgt von Warmherzigkeit, Offenheit und Vorurteilslosigkeit. Die Gebete mit ihrem atmenden, ruhigen aber auch manchmal drängenden Puls schaffen dieser Kultur einen Rahmen, der von Zeit zu Zeit anstrengend, aber meist eher einbettend und tragend wirkt. Natürlich nicht vom ersten Tag an. Anfangs waren die Gebete für mich eher viele Programmpunkte am Tag. Es hat die drei Monate, welche ich jetzt hier war, gedauert, bis die Gebete zu einem Aufatmen und Besinnen geworden sind und das verändert sich in Israel bestimmt noch weiter. Zu dieser inneren Bereicherung gesellt sich noch die äußere Bereicherung. Ich habe ein neues Land für mich entdeckt und das, wie ich finde, recht ausführlich. Wir haben viele Ausflüge unternommen, in der näheren Umgebung der Klosters, aber auch weit darüber hinaus. Auch wenn die Schweiz für mich nur ein Zwischenstopp bzw. ein Provisorium war, so habe ich doch eine wirklich tolle Zeit gehabt.

10. Woche: 27.10.-08.11.2020

Wir nutzen die letzten Tage des Jahres mit angenehmen, sonnigen Wetter voll aus. Mit einem Frater und einem Kandidaten haben wir eine kleine Radtour auf einen Berg/ Hügel am Zürichsee gemacht, auf welchem uns eine tolle Aussicht in fast alle Himmelsrichtungen geboten wurde. Auch die ausgedehnten Spaziergänge auf die Hausberge Einsiedelns genoss ich sehr, landschaftlich liegt das Kloster wirklich in einer tollen Gegend. An der frischen Luft gibt es auch einiges an Arbeit für uns, der Herbst hat die klösterlichen Böden nämlich mit tonnenweise Laub gesegnet, welches nicht dort bleiben soll. Also schwingen wir im Moment ziemlich oft den Rechen.

Hier im Kloster wurde mir auch zum ersten Mal in meinem Leben zum Namenstag gratuliert (bisher habe ich nur meinen Geburtstag gefeiert, der hat im Kloster allerdings weniger Bedeutung). Überall wo ich auf Mönche traf, kamen mir Glückwünsche entgegen. Einer der Mönche hat gesagt, würden Simon und ich Kutten tragen, wir würden uns garnicht mehr von Ihnen unterscheiden. Und ich finde das trifft nicht nur auf das Äußerliche zu und auf den Fakt, dass wir an (fast) allen Gebeten teilnehmen, sondern auch auf die unglaubliche Integration in die Gemeinschaft. Ein Merkmal dieser Integration ist, dass mein Namenstag genau wie der eines Mönches zelebriert wurde. In der Messe wurden mir Segenswünsche in den Fürbitten ausgesprochen, beim Mittagessen stand ein Ehrenwein und Schokolade an meinem Platz und man prostete mir fröhlich zu. Diese kleinen Aufmerksamkeiten haben mir wirklich Freude bereitet und ich bin sehr dankbar für die Menschen mit denen ich hier ein paar Monate leben darf.

Sonntag, 8. November 2020

8./9. Woche: 15.10.-27.10.2020

Die Temperaturen sinken und die Corona-Fallzahlen steigen. Somit gab es schon den ersten Schnee (ein kurzes Vergnügen) und während der Gebete eine Maskenpflicht (leider kein kurzes Vergnügen). An das Anfangs etwas komische Gefühl vom Gebet mit Maske gewöhnten wir uns aber alle schnell. 

Wieder gab es eine spezial-Aufgabe: Das Kloster hat auf seinem großen Vorplatz einen Info-Pavillion eingerichtet, ich bekam die Aufgabe von einigen Mitbrüdern eine Videobotschaft aufzunehmen, welche dann, auf Bildschirmen im Info-Pavillion, von den Besuchern angeschaut werden können. Durch das Equipment, welches ich vom IT-Bruder bekommen habe, konnte ich mit Professionalität und Qualität glänzen. Es haben sich neun Mönche für ein Video gemeldet, jedes hat seine eigene, schöne Geschichte und Botschaft. Und das bei jeweils nur weniger als einer Minute Dauer. 

Es stand außerdem wieder ein Ausflug des Fraterstocks an, diesmal mit zwei neuen Gesichtern: das Kloster hat nämlich zwei Kandidaten aufgenommen. Diesmal fuhren wir nicht ganz so weit weg (letztes Mal ging es ja ins Tessin), wir fuhren zur Stätte des Schweizer Nationalheiligen, Bruder Klaus, nach Flüeli-Ranft. Wieder ein großartiger Ausflug mit perfektem Wetter, einem sehr inspirierenden Heiligen und wirklich schönen Kapellen (ich bekomme manchmal das Gefühl von der Schweiz hauptsächlich Kirchen und Kapellen zu sehen, aber damit ist eigentlich zu rechnen wenn man mit Ordensleuten reist). Der Ausflug gab Gelegenheit die beiden Kandidaten näher kennenzulernen. Ich bin immer noch zutiefst beeindruckt von der Entscheidung mit 22 Jahren in ein Kloster einzutreten. Ich habe mich oft gefragt wie das wäre wenn ich in ein Kloster eintreten würde, ich bin ja in einem ähnlichen Alter. Ich konnte mich mit dem Gedanken zwar nicht ganz anfreunden, ausgeschlossen habe ich ihn aber auch nicht.

6./7. Woche: 01.10.-15.10.2020

Mittlerweile habe ich mich sehr an das Gebet jeden Tag gewöhnt, ich muss nicht mehr jedes Mal drüber nachdenke wo ich das Buch aufschlage und wie das jeweilige Gebet funktioniert, auch habe ich mich sehr an die Schönheit der Gebete gewöhnt. Ich kann mich jetzt voll dem Wesen des Gebetes und der Meditation widmen, das tut mir gut und schafft nach der Arbeit oder anderen Aktivitäten immer wieder eine Besinnung und Rückkehr zu mir selbst. Natürlich gibt es auch Tage an welchen ich mich nicht vollständig konzentrieren kann, aber im Großen und Ganzen hat mich der Rhythmus mit einer größeren inneren Ruhe erfüllt. Auch ist es eine Wohltat wie sehr man im Kloster aus dem Trubel und dem Lärm der Welt aussteigen kann wenn man möchte. Es ist wie eine kleine Insel der Ruhe.

Trotzdem bin ich über die gelegentlichen Ausreißer aus dem Gebet und das Verlassen der dicken Klostermauern froh und freue mich jedes Mal die schöne Welt drumherum zu entdecken.

Vor kurzem habe ich einen Pater ins Krankenhaus zu einer Untersuchung gebracht und konnte anschließend noch den Ort am Zürichsee genießen in welchem das Krankenhaus ist, ich habe es mir auch nicht nehmen lassen anschließend über die landschaftlich sehr ansprechende Landstraße, anstatt über die schnellere Autobahn zurück zu fahren.

Ein paar Tage später hatten Simon und ich dann einen sehr speziellen Auftrag. Wir durften das kompositorische Gesamtwerk eines Paters (vier große Kisten mit Noten) zur Archivierung und Digitalisierung nach Bern, in die Schweizer Nationalbibliothek, bringen. Auf der Hinreise fuhren wir einen sehr belohnenden Umweg um die landschaftlichen Vorzüge der Zentralschweiz genießen zu können. Nachdem wir unsere Arbeit erledigt hatten, haben uns ein wenig Bern angeschaut (eine wirklich schöne Stadt, die sehr zum verweilen einlädt) und sind anschließend in die Französische Schweiz gefahren um uns das Kloster in Payerne, welches uns sehr empfohlen wurde, zu Gemüte zu führen. Architektonisch ist dieses alte, karge, romanische Gebäude ein starker Kontrast zur riesigen, prunkvollen und künstlerisch beladenen Barockkirche vom Kloster Einsiedeln. Wir waren uns beide einig, dass wir die Kirche in Payerne lieber hätten. Trotzdem freuten wir uns am nächsten Tag wieder im heimatlichen Chorgestühl zu beten.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

4./5. Woche: 13.09.-02.10.2020

Jeden Abend aufs neue geniesse ich die Komplet, das Abendgebet der Bendediktiner. In der Stille und Dunkelheit der Kirche in den Minuten vor dem Gebet kann ich meine letzten Gedanken des Tages ordnen und zur Ruhe kommen. Die Stille wird durchbrochen von den einfachen aber wunderschönen Gesängen der Komplet, in welche Simon und ich uns mit unseren Stimmen einreihen dürfen. Die Phrasen, welche sich jeden Abend wiederholen, schaffen ein sehr beruhigendes Gefühl der Heimkehr. 
Ein wirklich malerischer und anmutiger Anblick ist auch der anschliessende Gang der Mönche auf ihre Zellen. Im halbdunkeln laufen sie in Stille und wallenden Gewändern den Klausurgang hinunter, ein Bild welches mich jedes mal in längst vergangene Jahrhunderte versetzt. 

Tagsüber haben wir uns in den letzten zwei Wochen wie gewohnt der Arealpflege und dem Abwaschdienst gewidmet. Ein Ausreissen aus dem täglichen Rhythmus stellten unsere Arbeitstage im Weinberg dar. Bis zu drei Gebete und eine Messe weniger am Tag, dafür raus aus Einsiedeln und in Richtung Zürichsee. Einen halben Tag verbrachten wir sogar auf der Insel Ufnau im Zürichsee, die dem Kloster gehört und auf welcher ebenfalls Wein angebaut wird. Die Anreise per hauseigenem Motorboot konnte sich sehen lassen. Nach der Erleichterung der Reben um mehrere Tonnen ihrer Früchte, war eine sonnenverbrannte und verschwitzte Rückkehr vorprogrammiert.

Inzwischen hat auch die Lesse begonnen (eine Urlaubswoche der Mönche, welche vor Ort individuell oder gemeinsam verbracht wird). Ich habe mich einen Tag angeschlossen und bin nach Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück mit ein paar Mönchen auf einen 1900m hohen Berg in der Nähe gestiegen. Mein erstes Mal richtig Bergsteigen wurde mit einer genialen Aussicht über die Alpen und ein Wolkenmeer unter uns belohnt und wir konnten auf dem Gipfel gemeinsam die Sonne und ein paar interessante Gespräche geniessen.
Meine Annahme, es würde sicher nicht langweilig werden, hat sich bisher bestätigt und ich bin sehr froh mich so gut mit dem monastischen Leben, an welchem ich teilhaben kann, angefreundet zu haben.

Sonntag, 13. September 2020

3. Woche: 06.09.-13.09.2020

Man trifft als Klosterzeitler in Einsiedeln auf so viele unterschiedliche und interessante Menschen. Allein schon im Gespräch mit den Mönchen erfährt man tolle Geschichten und Lebensläufe, dazu kommen aber noch all die Gäste die im Kloster für ein paar Tage leben um z.B. Urlaub zu machen. Simon und Ich begegnen ihnen immer zum Frühstück und es gibt jeden Tag andere Gesprächsthemen und alle paar Tage wechseln die Menschen mit denen wir uns unterhalten. Manchmal hätte ich zwar gerne meine Ruhe beim Frühstück und möchte nicht mehr die ständige Frage beantworten was ich denn drei Monate im Kloster machen würde, aber im Nachhinein gestalten sich die meisten Gespräche als bereichernd. Dieses Wochenende war zum Beispiel der Abt Primas, also der Chef der Benediktiner weltweit, aus Rom zu Besuch. Ich wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm und lauschte dann den Gesprächen zwischen ihm und dem Abt neben mir am Tisch, ein sehr interessantes Frühstück. 

Ansonsten wurden wir mit unseren normalen Aufgaben im Kloster beschäftigt. Vormittags Arealpflege (wir haben den Großteil der Zeit damit verbracht alte Fenster zu zerstören um sie fachgerecht zu entsorgen) und Nachmittags zum Abwaschen in die Gastwirtschaft. Eine Aufgabe die ich garnicht mal so schlecht finde. Hier entstehen außerdem Gespräche mit anderen Jugendlichen aus der Umgebung. 

Einen Tag hatte ich sogar die Möglichkeit auf den klostereigenen Weinberg zur Weinlese mitzufahren, eine recht anstrengende aber schöne Arbeit, welche mit weiteren Bekanntschaften, Aussicht auf den Zürichsee und dem Verkosten vom Wein der Vorjahre belohnt wird.

 

Ich nutze die Zeit hier auch um eine Gebirgsflugeinweisung zu absolvieren (ich habe eine Pilotenlizenz für Segelflugzeuge, Motorsegler und leichte Sportflugzeuge), eine Sache die ich unbedingt mal machen wollte und wozu ich nun plötzlich die Gelegenheit habe. Ein erster Flug zur Eingewöhnung an den Flugplatz, das Flugzeug und die Umgebung hat mir schon einen wunderschönen Blick auf den Säntis, den Walensee, den Zürichsee und den Bodensee beschert und ich freue mich sehr meinem Ziel der Alpenüberquerung im Motorflugzeug näher zu kommen.

 

Ursprünglich wollte ich ja meine Klosterzeit in Israel verbringen, wegen Corona bin ich jetzt aber erstmal in die Schweiz gekommen. Bisher finde ich diesen Ersatz aber garnicht schlimm, eher freut es mich, dass ich nach Einsiedeln kommen durfte und in den ersten drei Wochen schon so viel erleben konnte. 

Sonntag, 6. September 2020

2. Woche: 31.08.-05.09.2020

Nach einer Woche zu Hause in Dresden, wo ich meine Fahrprüfung absolvierte und noch einige letzte Abende mit meinen Freunden verbrachte, flog ich wieder zurück in die Schweiz.

Wieder wurde ich dort mit offenen Armen empfangen und von allen Seiten gefragt, ob es denn mit der Fahrprüfung geklappt habe.

Jetzt ging es richtig los mit dem Klosterleben. Ich bezog mein endgültiges Zimmer, bekam den Schlüssel, mit welchem ich auch in die Bereiche komme, die nicht für die Gäste gedacht sind, und durfte jetzt bei den Mahlzeiten Seite an Seite mit den Mönchen sitzen. Ich fand mich erneut in den Rhythmus des Gebetes und der Arbeit ein und freute mich sehr, wieder in Einsiedeln zu sein. Mittlerweile genoss ich sogar die rituell anmutenden Mahlzeiten, welche mir zu Beginn befremdlich vorkamen.

Trotzdem gab es jeden Tag eine kleine Überraschung, zum Beispiel als eine Mahlzeit dispensiert war und plötzlich auf ein Läuten hin alle anfingen zu quatschen. Ich hatte mich doch gerade an das Schweigen gewöhnt.

Bei einer der abendlichen Rekreationen (ein lockeres Zusammensitzen), welche für die Novizen gedacht sind und an welchen wir als Klosterzeitler auch teilnehmen dürfen, wurde uns eröffnet, dass wir zum Tagesausflug des Fraterstocks ins Tessin eingeladen sind. Das war natürlich eine tolle Neuigkeit, über die Simon und ich uns sehr freuten.

So ging es dann ein paar Tage später nach den Laudes mit dem Schulbus der Stiftsschule quer durch die Alpen in die Südschweiz. Für mich als Flachländler natürlich eine wunderschöne Erfahrung, jede Minute der Fahrt genoss ich die Aussicht und fragte mich, wie ich in einen Schulbus mit Benediktinermönchen gekommen bin, der durch die Alpen fährt.

Im Tessin hatte eine Bekannte eines Mönches für uns Führungen durch verschiedene kleine, aber wunderschöne Kirchen organisiert. Wir wurden vom ansässigen Pfarrer oder vom Sakristan geführt und erhielten dadurch natürlich die besten Informationen (leider auf Italienisch, einer Sprache, die ich nicht verstehe, so musste Pater Justinus übersetzen). Nach der ersten Kirche fuhren wir aber erstmal zum Gemeindehaus des Dorfes und wurden dort mit einer wundervollen Aussicht in das Tal vorzüglich bewirtet. Wir führten sehr gelöste Gespräche und fühlten uns wie im herrlichsten Urlaub, immer mit dem Klang des Tessiner Italienisch im Ohr. Anschließend schauten wir uns noch in Biasca zwei Kirchen an, wurden ins Kaffee eingeladen und verabschiedeten uns dann schon wieder. Auf unserem Rückweg nach Einsiedeln machten wir noch in Airolo, am Gotthardttunnel, Halt und gingen zum Abendessen in eine Käserei, wo ich mein erstes Schweizer Fondue verspeiste.

Wir kamen 21:30 völlig kaputt wieder zu Hause im Kloster an.

Ich bin gespannt, was mich in den nächsten Monaten noch alles erwartet, eines halte ich für sicher: Es dürfte nicht langweilig werden mit den Mönchen.

 

1. Woche: 17.-22.08.2020

Als ich zu Beginn der Vorbereitungswoche in Einsiedeln aus dem Bus stieg und den Berg in Richtung Kloster hochlief, empfing mich ein gewaltiges Bauwerk. Ich war beeindruckt und konnte nicht ganz glauben, dass ich dort leben sollte. Nachdem mich Pater Thomas freundlich empfangen hatte, zeigte er mir mein Zimmer für die erste Woche. Ein riesiges Gästezimmer im barocken Stil, mit Blick über das Dorf. Ich war ein wenig überwältigt und wusste nicht ganz, ob mir die ganze Sache gefallen sollte.

Ich hatte nicht viel Zeit zum Überlegen, denn es ging direkt zum Abendessen. Dort wartete gleich der nächste Kulturschock auf mich. Das Refektorium, ich welchem gegessen wird, war sehr schick gestaltet und an den Tischen standen die Mönche. Ich wurde zum Gästetisch geführt. Das Essen wurde schweigend, fast schon zeremoniell durchgeführt, einer der Mönche las aus der Bibel und verschiedenen Büchern. Das Ganze kam mir recht befremdlich vor und ich hatte das Gefühl, in meinen drei Monaten in Einsiedeln nicht viel mit den Mönchen, sondern eher mit mir selber und den Regeln zu tun zu haben.

Am nächsten Tag traf ich dann auf die anderen Klosterzeitler, Simon und Juhani. Nach etwas Kennenlernen verstanden wir uns sehr gut. Auch Pater Thomas war mir sehr sympathisch.

Nach vielen Gebeten, Messen, Unterrichtsstunden, Gesprächen und Kennenlernen der anderen Mönche fing ich an, mich wirklich wohl zu fühlen und ich verlor das Gefühl, an einem fremden Ort zu sein.

Ich hatte eigentlich erwartet, nicht viel mit den Mönchen zu tun zu haben, sondern einfach dort zu arbeiten und zu den Gebeten zu gehen. Die Offenheit, das Interesse, die Gastfreundschaft und die Freundlichkeit der Mönche waren aber wunderbar und ich hatte und habe immer noch das Gefühl, in die Gemeinschaft integriert zu sein und gemeinsam mit den Mönchen zu leben und zu beten.

30.-34. Woche: 12.03.-10.04.2021

Meine Zeit in Jerusalem neigt sich langsam dem Ende zu. Nach Ostern werde ich nach Tabgha, in den Norden Israels, wechseln. Arbeitstechnisch...